Die "Stunde Null" nach dem Dreißigjährigen Krieg im Ruppiner Land und Umgebung von apl. Prof. Dr. Matthias Asche (Tübingen) | |||||||
Die nördliche und östliche Mark Brandenburg gehörte zu der am stärksten vom Dreißigjährigen Krieg betroffenen "Verwüstungszone, welche sich als breiter Streifen vom Nordosten des Reiches über Mitteldeutschland bis an den Mittel- und Oberrhein zog. Als der junge brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm - der später so berühmte "Große Kurfürst - im Jahre 1641 aus seinem Königsberger Kriegsexil in seine hohenzollernschen Stammlande zurückkehrte, musste er feststellen, dass die Mark Brandenburg in wirtschaftlicher und demographischer Hinsicht gründlich ruiniert war. Mehr noch als in den meisten brandenburgischen Städten hatten die Menschen auf dem Land - in den Dörfern und den unbefestigten Flecken - unter der raubenden, plündernden und mordenden Soldateska zu leiden. Die ständigen Durchmärsche des Kriegsvolks, dessen Einquartierungen und die damit verbundenen Belastungen für die Zivilbevölkerung hatten zu Hungersnöten, Pestwellen und Massenflucht geführt - Ereignisse, welche als Traumata bis zum Ersten Weltkrieg prägend wurden und nicht nur in Brandenburg in die Erinnerungskultur der nachfolgenden Generationen einflossen. Bereits in den frühen 1640er Jahren, mithin noch vor dem offiziellen Friedensschluss von Münster und Osnabrück im Jahre 1648, hatten jedoch in der Mark Brandenburg Wiederbesiedlungen in entvölkerten und verwüsteten Gebieten eingesetzt, indem zunächst märkische Landeskinder und Untertanen aus benachbarten Territorien sowie abgedankte Soldaten auf frei oder wüst gewordene Höfe gesetzt wurden. Dieser Prozess geschah nicht planvoll, sondern punktuell und bedarfsorientiert. Für kaum eine andere deutsche Landschaft lassen sich flächendeckend die Entvölkerungen des Dreißigjährigen Krieges statistisch besser erfassen als für die Mark Brandenburg. Das liegt an der vorzüglichen Quelle der sogenannten Landreiterberichte aus dem Jahre 1652, die als erste flächendeckende Bevölkerungsaufnahme des Landes überhaupt gelten kann. Sie sind bereits überwiegend - leider oftmals an entlegener Stelle und nicht wortgetreu - ediert, allerdings noch immer nicht vollständig ausgewertet worden. Diese auch für genealogische Forschungen in der Mark Brandenburg ganz zentrale Quelle der Landreiterberichte soll einmal genauer vorgestellt und ausgewertet werden, wodurch ein lebendiges und plastisches Bild von der Bilanz des Dreißigjährigen Krieges und den mühsamen frühen Aufbaujahren der Nachkriegzeit im Ruppiner Land und dessen Umgebung entsteht. Matthias Asche ist außerplanmäßiger Professor für Allgemeine Geschichte der Frühen Neuzeit an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Sein neuestes Buch "Neusiedler im verheerten Land - Kriegsfolgenbewältigung, Migrationssteuerung und Konfessionspolitik im Zeichen des Landeswiederaufbaus. Die Mark Brandenburg nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts ist im Jahre 2006 erschienen und kann nach dem Vortrag zu einem ermäßigten Preis erworben werden. | |||||||