Der Norden ist eine Reise wert
Auf den Spuren Theodor Fontanes in Nord- und Südschleswig

Der Historische Verein der Grafschaft Ruppin lädt seine Mitglieder und Gäste alle zwei Jahre zu einer Studienfahrt ein. Im Jubiläumsjahr führte sie vom 7. bis 11. September 2000 unter dem Motto „Auf den Spuren Theodor Fontanes in Nord- und Südschleswig" nach Süd-Dänemark und Schleswig-Holstein. Das Programm war weit gefächert. Es beinhaltete Begegnungen und Objekte, die einen vielseitigen Eindruck der aufstrebenden Region zwischen den Meeren vermittelte.

Die Auseinandersetzungen zwischen Dänemark und den Herzogtümern Schleswig und Holstein führten 1848 zu einer Erhebung, die 1851 mit einer Niederlage der Schleswig-Holsteiner endete. Sie fühlten sich besiegt und von Preußen im Stich gelassen oder gar verraten. Sie sahen allerdings auch nicht, dass die Eiderdänen (Dänemark bis zur Eider) ihr Ziel ebenfalls nicht erreicht hatten. Die Kernfrage der Zugehörigkeit des Herzogtums Schleswig blieb ungeklärt.

Im deutsch-dänischen Krieg von 1864, den Preußen mit Unterstützung Österreichs führte, erlitten die Dänen durch die Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18. April 1864 eine bittere Niederlage. Nach zähen Verhandlungen wurden die Herzogtümer bis zur Königsau südlich von Kolding 1867 preußische Provinz und vom Regierungspräsidenten von der Stadt Schleswig aus regiert. Nach der Volksabstimmung 1920 kam der Landesteil Nordschleswig von der Königsau bis vor die Tore Flensburgs wieder zu Dänemark. Das Schloss Gravenstein, in dem die königliche Familie in jedem Sommer einige Wochen lebt, und der landwirtschaftliche Gutsbetrieb Schackenburg Schloss in Mögeltondern, den der jüngere Sohn von Königin Margrethe bewirtschaftet, tragen wesentlich zur Festigung des Dänentums im Grenzraum bei.

Theodor Fontane war 1864 zweimal in Dänemark, im Mai als Kriegsberichterstatter und im September als Reisender, der bis nach Kopenhagen kam. Fontane nutzte verschiedenste Quellen, zeichnete den Kriegsverlauf präzise nach und ist auch hier ein fantastischer Reiseführer. (Theodor Fontane: „Der Schleswig-Holsteinsche Krieg im Jahre 1864", Baltica Verlag Flensburg, Reprint 1999).

So besuchten wir die Gedenkhalle in Idstedt bei Schleswig zur Erinnerung an den Krieg 1848 bis 1851. Bei der Weiterfahrt auf der B 76 erreichten wir in Oeversee die auf beiden Seiten der Straße errichteten Denkmäler für die im Gefecht am 6. Februar 1864 gefallenen Österreicher und Dänen. In unmittelbarer Nähe liegt der noch heute als Hotel bewirtschaftete Historische Krug (seit 1519) in Oeversee, der im Krieg als Stabsquartier und Lazarett diente.

Seit 1992 informiert das Geschichtszentrum Düppel. das kommunal zu Sonderburg/Alsen gehört, mit ergreifenden Darstellungen über die Kriegsereignisse; es zeigt wichtige Perspektiven für den Frieden auf. Die weiße Dorfkirche mit zwei Türmen auf der Halbinsel Broacker am Wege nach Düppel beherbergt auf dem Friedhof Gräber von Kriegsteilnehmern des Infanterie-Regiments 24 aus Neuruppin.

Die Kreisstadt Schleswig lohnt den Tagesausflug mit ihren Sehenswürdigkeiten, wie auch die 40 Reiseteilnehmer bestätigten:

- Wikinger-Museum Haithabu mit dem Wikingerschiff, das 1968 im Noor gefunden wurde und von Wissenschaftlern der Kieler Universität wieder rekonstruiert wird. Haithabu war in der Wikingerzeit ein bedeutender Handelsplatz Nordeuropas. Heute noch umschließt ein mächtiger Halbkreiswall das ehemalige Siedlungsgebiet am Haddebyer Noor.

- Nach Westen erstreckt sich von dort das eindrucksvolle Befestigungssystem Danewerk, das in mehreren Phasen - beginnend im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. - von Dänenkönigen gegen "Eindringlinge" aus dem Süden erbaut wurde. Prof. Dr. Joachim Reichstein, Leiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein, verstand es mit seinem lebhaften Vortrag, einen Eindruck von diesem Bauwerk insbesondere vom Abschnitt der Waldemarsmauer zu vermitteln. Er zeigte die verschiedenen Theorien des Schiffsverkehrs von der Nordsee zur Ostsee über Hollingstedt und die Schlei in der Vorzeit auf. Der 1895 eröffnete 99 Kilometer lange Nord-Ostsee-Kanal von Brunsbüttel nach Kiel, inzwischen der am meisten befahrene Kanal der Welt, brachte eine Dauerverbindung der beiden Meere.

Der gotische Backsteindom mit dem Brüggemannschen Altar - 1514 bis 1521 geschnitzt von Hans Brüggemann für das Augustinerkloster in Bordesholm und 1666 in den Schleswiger Dom überführt. Anschließend folgte ein Spaziergang zum malerischen Fischerholm an der Schlei.

- Das Landesmuseum Schloss Gottorf, das unter anderem Sammlungen des 15. bis 18. Jahrhunderts, der Renaissance, des Barock, des Rokoko, vom Klassizismus bis zum
Jugendstil zeigt.

- Auf dem Ochsen- oder Heerweg von Viborg in Nordjütland bis Hamburg - der auch an Schleswig und Rendsburg vorbeiführt -, dem ältesten Fernweg zwischen beiden Ländern, wanderten wir bei dem Gasthaus Kropperbusch (Du büs Kropper Busch noch ni vörbi) auf den Spuren von Ochsentreibern, Viehhändlern, Pilgern, Handwerksburschen, fahrendem Volk, Soldaten und Königen.

Als Pendant besuchten wir nördlich der Grenze verschiedenen Stationen:

- Dänemarks älteste Stadt Ribe, schon um 700 n. Chr. von Wikingern als Handelsplatz gegründet. Im alten Stadtkern stehen über 100 Häuser unter Denkmalschutz. Direkt gegenüber dem 800 Jahre alten Dom im Herzen des 9000-EinwohnerStädtchen liegt Dagmar Hus, das älteste Hotel des Landes.

- Schloss Koldinghus, dessen älteste erhaltenen Gebäudeteile aus dem 15. Jahrhundert stammen. Sie enthalten unter anderem einen Rittersaal, eine Schlosskirche, eine Bibliothek und ein dunkles Verlies. Die von neuer Architektur umschlossene Ruine des Südflügels wurde 1993 mit den Europa Nostra Preis ausgezeichnet. Wir konnten dort eine Silber- und Porzellanausstellung von internationalem Format bewundern, wie überhaupt die architektonische Neugestaltung alle Reiseteilnehmer geradezu begeisterte.
- Das Museum Trapholt liegt reizvoll mit Blick über den Koldingfjord. Neben Handwerks-, Keramik- und Textilkunst befindet sich ein Stuhlmuseum mit einer Sammlung dänischen Möbeldesigns in einer eigenwilligen unterirdischen Anlage, die die Entwicklung seit der Jahrhundertwende zeigt und zum Probesitzen einlädt.

- Nicht weit vom Sitz des Danfoss-Konzerns in Nordburg auf der Insel Alsen wurde 1991 ein einzigartiges Firmenmuseum im Geburtshaus, einem ehemaligen Bauernhof, des Firmengründers Mads Clausen eingerichtet. Danfoss hat auf dem Gebiet der Kältetechnik, der Heizungsthermostaten, der FCKW-freien Verdichter und der Elektro-Elemente für Haushaltsgeräte Pionierarbeit geleistet. Im vom Kopenhagen weit abgelegenen Nordschleswig stellt Danfoss mit 8000 Beschäftigten einen entscheidenden Faktor am Arbeitsmarkt dar.

Auch der letzte Tag war mit "Highlights", wie man heute zu sagen pflegt, angefüllt:

In diesem Jahr sind im Emil-Nolde-Museum Seebüll 50 Gemälde, über 100 Aquarelle und 50 Radierungen in dem burgartigen Gebäude - umgeben von einem farbenprächtigen Garten - zu bewundern, das sich der Expressionist nach eigenen Entwürfen von 1927 bis 1937 im nordfriesischen Neukirchen direkt an der dänischen Grenze hat errichten lassen. Die Bandbreite der ausgestellten Werke reicht über 40 Schaffensjahre von "Melkmädchen" (1903) bis zum späten Blumen- und Landschaftsbild "Mohn und rote Abendwolken" (1943).
Rote Ziegeldächer und holländische Treppengiebel, Kirchen mit Kuppeln und Laternen im Stil niederländischer Renaissance und überall Grachten, über die Brücken führen: das ist Friedrichstadt, wo die Treene in die Eider mündet. Theodor Storm aus dem nahen Husum, der "grauen Stadt grauen Meer", erzählt Theodor Fontane: "Hier sei ihm zumute, als wäre im nächsten Augenblick frisch aufgeschnittener Kuchen und eine Kanne dampfenden Kaffees  aufgetragen." Überhaupt sei das Städtchen "herzerwärmend heimelig", voller Glockengeläut selbst dann, wenn die Glocken schweigen. Heute ist in den Werbeprospekten von der "schönen Holländerstadt" und von "Klein-Amsterdam" die Rede.

- Ein letzter Höhepunkt der Studienfahrt: das imposante steinerne Denkmal mit der Aufschrift "Wahr di garr de bur de kumt" ("Pass auf Garde, der Bauer kommt") und der neue, der Schanze nachempfundene Informationspavillon in Epenwöhrden (Dusend-Düwels-Warft, Tausend-Teufels-Warft) zur Erinnerung an die Schlacht bei Hemmingstedt und den Sieg der Dithmarscher Bauern gegen das dänische Söldnerheer und seine Verbündeten aus dem norddeutschen Raum. Über 3000 Menschen ertranken in den Fluten nach dem Öffnen der Schleusen und Siele. Die Ballade zum 17. Februar 1500 "Der Tag von Hemmingstedt" aus der Feder von Theodor Fontane - vorgetragen vom Vorsitzenden des Historischen Vereins Studienrat Horst Erdmann auf den Stufen des Denkmals - ließ die Legenden um die Bauern und ihre Volkshelden auf der Schanze noch einmal lebendig werden.

Reisen bildet - deshalb hatte der Vorstand des Historischen Vereins einen Schleswig-Abend in das Programm aufgenommen. Landwirt Sönke Paulsen, Hofbesitzer in Nordfriesland, berichtete von Land und Leuten und dem Kampf mit dem Meer nach der Devise "Wer nicht will deichen, der muss weichen". Seine plattdeutschen Gedichte fanden besonderen Beifall. Der Norddeutsche Genossenschaftsverband (Raiffeisen - Schulze-Delitzsch) mit Sitz in Kiel und Schwerin schenkte jedem Reiseteilnehmer Paulsens Schrift "Wat mi jüst infull ... - Plattdütsches mit Humor und Hintersinn". Der Vorstand bedankte sich für diese Gabe. Er freut sich über das große Interesse seiner Mitglieder an solchen Studienfahrten und wird diese auch zukünftig anbieten und gern durchführen.

Dr.  Dietrich Hill - Neuruppin
Chronik2Hefte2