Pommern - Pomorze - Kaschubei ?

Wohin begaben wir uns eigentlich? Offiziell war unsere Reise vom 12. bis 16.  September 2004 als Exkursion in das Land der Slowinzen und Kaschuben betitelt, das sich uns dann auch als eine Landschaft von herber Schönheit, selbst für einen Brandenburger dünn besiedelt, aber von Menschen mit großer Freundlichkeit und ohne erkennbare Vorbehalte bewohnt, präsentierte. Liegt es daran, dass die Bevölkerung dort in vielen Jahrhunderten immer wieder die Landesherren zu wechseln gezwungen war? Günter Grass erklärt es so. Glauben wir ihm. Und Sonnenschein hatten wir reichlich. Waren wir doch eingestimmt auf:

Ein rechter Pommer alter Art
trägt seinen Pelz bis Himmelfahrt.
Und vierzehn Tage nach Johann,
da zieht er ihn schon wieder an.

2004 blieb das erwähnte Kleidungsstück noch in der Lade. Deutschland entließ uns im Nieselregen, aber bereits in Slupsk/Stolp beschien die Sonne die Stadtmauer, lockte uns in zwei Kirchen, in die gotische Schlossmühle und an das Neue (gotische) Tor aus dem 15. Jh.  Weiter ging die Fahrt über gut ausgebaute oder noch im Bau befindliche Straßen gen Osten, bis wir schließlich durch dichten Mischwald Krokowa/Krokow zustrebten. So viele Haltestellen am Straßenrand? Die Kaschuben verstecken ihre Dörfer im Wald!

Schloss Krokowa empfing uns heftig weinend (es goss), und aufrichtig schluchzend (mit kurzem Gewitterregen) entließ es uns am 16. September. Die meisten von uns waren im Gästehaus untergebracht, einem Neubau, einige im Schloss selbst, das über 700 Jahre Stammsitz der Familie Krokow/Krokowski war und sich heute als Stiftung Europäische Begegnung Kaschubisches Kulturzentrum Krokow präsentiert. Kleine Gasträume vermitteln den Besuch bei einer wohlhabenden pommerschen Adelsfamilie. Zweimal speisten wir an der festlich gedeckten Tafel des Ballsaales, bekocht von einem jungen Mann, der bisher den Abwerbungsversuche Danziger Hotels widerstehen konnte. Er, die Hotelmanagerin Urzula Marshall und die Kellner begrüßten uns herzlich und machten uns den Aufenthalt dort zum Erlebnis. Eine Ausstellung zur Familiengeschichte der ehemaligen Eigentümer und eine kleine Plauderei mit dem Sohn des Geldgebers bestärkte uns in der Überzeugung, uns dieser deutschen Landsleute nicht schämen zu müssen.

Am nächsten Tag hieß es dann: auf nach Gdansk/Danzig! Dort vermittelte uns eine junge Stadtführerin Geschichte und Bedeutung der alten Hansestadt, erklärte uns die Sehenswürdigkeiten vom Goldenen bis zum Grünen Tor über die Lange Gasse und den Langen Markt. Bei einem Bernsteinhändler an der Mottlau entließ sie uns. Und nun konnte jeder allein auf Entdeckungsreise gehen: im Rechtstädtischen Rathaus, in der Marienkirche, gar auf ihren Turm, in der Frauengasse mit ihren alten Giebelhäusern und den Beischlägen vor ihren Hauseingängen und am Kran- oder Bäckertor. Voller Hochachtung vor den Restauratoren wird einem bewusst, wie stilvoll, architektonisch wirksam und mit eigenem Charme die Polen eine Hafenstadt wieder erstehen ließen, die einst 90% deutsche Bevölkerung hatte.
Die Stippvisite nach Oliwa hatte ihren besonderen Reiz. Wohltönenden Orgelmusik empfing uns im größten Kirchenschiff Polens, sie erklang auf dem berühmtesten Instrument unseres Nachbarlandes, geschaffen im frühen 18. Jh. von Orgelbauer Wulf im spätbarocken Stil.  Ruhe und Andacht konnte uns in der halben Stunde erfüllen. Wer die nicht allein auf sich wirken lassen wollte, nahm Park und Abtei noch in Augenschein.

An der Putziger Bucht im Hotel "Delphin" stand das Abendessen für uns bereit. An dieser Stelle sei erwähnt, dass unsere "Reisemarschallin" Frau Adomeit nicht nur Reisen hervorragend planen kann, sondern sich auch als Meisterin der Improvisation erwies, da sie dafür sorgte, dass durch Aufruf die gewählten Speisen an den richtigen Mann oder die passende Frau gelangten. Für sie war es anstrengend, aber alle hatten ihren Spaß dabei.

Kultur wird abgelöst von Natur. Schon unsere Fahrt mit dem kleinen Elektrozug am dritten Tag war beeindruckend, konnten wir doch bereits jetzt ausmachen, wie die Wanderdüne den Wald zu ihren Füßen verschlingt. Die Wanderung, sogar mit Badespaß, das Erklimmen des unendlich hohen Sandhügels, die Fahrt mit dem Dampfer, das Naturwunder nunmehr aus der Wasservogelperspektive betrachtend, überwältigte uns. Wir brauchten anschließend das gemütliche Kaffeetrinken in vornehmem Ambiente und den ausgiebigen Strandspaziergang zum Verarbeiten des Eindrucks, den die große Düne von Leba in uns hinterließ.

Und nun der Besuch von Kloster Zarnowitz, geführt von Schwester Krescentia, übersetzt durch Urzula Marshalowa in herrlicher Unkenntnis allen sakralen Vokabulars. Das alte gotische Bauwerk, heute wieder seinem ursprünglichem Zweck zugeführt, beeindruckt durch sein hohes Gewölbe, mit noch zwei Konsolfiguren aus der Entstehungszeit und einem wundervollen gotischen Kreuzgang, der sich noch in der Restaurierung befand, von den 24 hier lebenden Nonnen sind sechs Denkmalspflegerinnen, die wohl auch verantwortlich zeichnen für das strahlende barocke Interieur der Kirche. Heiligtum des Klosters ist eine Pieta aus dem 14. Jh. Diese wurde uns von ihrem schätzenden Gitter befreit ebenfalls gezeigt. Die heilige Frau nahm unsere Neugier, die uns zum Aufstehen zwang, für Verehrung der Mutter Maria, wofür sie uns besonders dankbar zu sein schien. Wir ließen es dabei bewenden und spendeten auch noch Geld für die weitere Restaurierung. In der Kaschubischen Mühle wiederholte sich das bereits eingeübte Zeremoniell der Speisung der 49!
4. Tag: War die Fahrt zur Marienburg der Höhepunkt der Reise? Und das, obwohl unsere Vorausplaner unseren Wünschen entsprochen hatten, ohne das Objekt zuvor zu inspizieren.  Deshalb war für mich die ungetrübte Begeisterung von Frau Adomeit und Herrn Kühn eine besondere Freude. Dank unserer hervorragenden Führerin, die in unserm Heimatland Germanistik studiert hatte, über exzellente historische Kenntnisse verfügte und uns Deutschen die Geschichte der Ordensherrschaft im Lande der Pruzzen auf sehr anschauliche Weise darzubieten wusste, überwältigte uns die riesige Anlage, die weit mehr weltlicher Herrschaft und militärischer Bedrohung als sakraler Bestimmung Ausdruck verleiht. Von den Pruzzen blieb nur der Begriff Preußen, das Volk existiert nimmer. Uneinnehmbar war die Burg nach der legendären Schlacht von Grunwald/Tannenberg, dem sowjetischen Panzerbeschuss hielt sie als SS-Festung nicht stand. Die zentrale Kirche des Baus ist heute noch im wesentlichen Ruine. Alle anderen Gebäude wurden in den letzten Jahrzehnten wieder hergestellt. Der Bau ist ein architektonisches Wunderwerk, das man vom Keller bis zum Boden durchstreifen möchte (O-Ton Herr Kühn). Galasäle, Refektorien, die Suite des Schatzmeisters mit Arbeitsraum (dreifach gesichert) und Wohn- und Schlafbereich, Küchentrakt. Brunnen, Abortanlagen von hohem Komfort, geniale Sicherungsanlagen und, nicht zu vergessen, die Ausstellung geretteter Skulpturen aus der Marienkirche - man vermag nicht alles aufzuzählen. Danke für die Entscheidung unseres Busfahrers, den Parkplatz an der Nogatbrücke anzusteuern. Wir konnten noch weitere 20 Minuten auf die herrliche Backsteinburg schauen. Der "Hochmeister" der Reisegruppe durfte einen Brakteaten prägen. Aber sicher müssen wir deshalb den Vorstand unseres Vereins nicht in Konvent umbenennen.

Am Abend hatten wir Muße, Tag und Reise ausklingen zu lassen, nachdem wir noch die Ahnen der Krokows in der Gruft der alten, für den kleinen Ort viel zu großen Kirche besucht hatten. Der Abschied vom Schloss, oben schon beschrieben, erfolgte früh, denn auf unserem Programm stand am letzten Tag Kloster Kartuzy/Karthaus.

Dort bauten Einsiedlermönche aus Feldsteinen und Ziegeln 1403 ihr Gotteshaus, das sie aber nur an Sonn- und Feiertagen betraten, um miteinander zu beten, zu reden und zu speisen.  Die übrige Zeit verbrachten sie in ihrer Einsiedelei, acht Stunden des Tages dem stummen Gebet verpflichtet, weitere acht Stunden der Arbeit, in den noch verbleibenden des Tages sollten sie schlafen. Dr. Orminski führte uns in Habit und Ballonmütze mit violettem Ponpon obenauf launig und locker. Leider sprach er schnell wie das Maschinengewehr Gottes, vermittelte uns Geschichte, Persönliches, Hinweise auf's Bauwerk und brachte uns dazu, einen Choral zu singen (Wir sind ein beeindruckender Chor!). Bis heute weiß ich jedoch nicht, ob wir dem Karthäusermönch nicht ein durch und durch protestantisches Lied gesungen haben. Vor der Kirche blieben uns die kaschubischen Kinder auf den Fersen, sangen ihre Lieder, brillierten mit ihren Deutschkenntnissen und verkauften uns die kaschubischen Noten, die wir am Abend zuvor von der Kulturgruppe aus Zarnowitz schon gelernt hatten.  Aber hätten die Gören vom Parkplatz nicht eigentlich in der Schule sein müssen?

Bei der Fahrt durch die Kaschubische Seenplatte sahen wir rege Bautätigkeit und offensichtlichen Wohlstand und landeten in einer Schautöpferei, Familienbetrieb, in der auch Geschirr erworben werden konnte.
Nun aber auf in die brandenburgische Heimat, nur noch unterbrochen vom Besuch des Polenmarktes in Stettin. Hat da Busfahrer Schnaase Provision? Wie dem auch sei, in seinem Fahrzeug fühlten wir uns sicher. 20.30 Uhr waren wir zu Hause, voller Dankbarkeit für ausgezeichnete Vorbereitung, gelungene Durchführung und voller unvergesslicher Eindrücke.  Was spontan in der Jahreshauptversammlung angedacht war, wurde ein voller Erfolg.
Uta Land - Neuruppin

veröffentlicht im Mitteilungsheft Nr. 15, Seit 42 - 44
Bildname
im Foto: Reisegemeinschaft vor der Marienburg/Malbork.
Bitte hier klicken zum Vergrößern.
Chronik2Hefte2