"Irrungen, Wirrungen" in der Siechenhaus-Kapelle Zeuthener Experte referierte in Neuruppin zum Romanschaffen von Theodor Fontane | |||||||
NEURUPPIN Etwa fünfzig Freunde des in Neuruppin geborenen Dichters und Schriftstellers waren am Donnerstagabend in die Siechenhaus-Kapelle gekommen, um zu hören, was Herr Joachim Kleine aus Zeuthen zu den "Irrungen und Wirrungen im Romanschaffen Theodor Fontanes" zu sagen hatte. Unterstützt von Uta Land, der Vorsitzenden des Historischen Vereins, die von Dr. Kleine ausgewählte Stellen aus Briefen Fontanes vorlas, ging es nach relativ kurzen Hinweisen darum, dass auch in mehreren anderen seiner epischen Werke "Irrungen und Wirrungen" eine Rolle spielten, dann um die entsprechend betitelte "Berliner Alltagsgeschichte", wie der Autor sie selbst einmal nannte. Lange hatte er sich mit ihr befasst: 1882 erste Erwähnung des "neuen Novellenstoffs", 1884 Entstehung des Gesamtentwurfs auf "Hankels Ablage" (am Westufer des Zeuthener Sees), 1887 dessen letzte Überarbeitung. In diesen Jahren beschäftigte sich Fontane immer wieder auch mit anderen Dingen, meist aber literarischen. Außerdem war er ja auch der Rezensent der "Vossischen Zeitung" für die Aufführungen im Schauspielhaus auf dem Gendarmenmarkt. Mit "Stine", dem Pendant zu "Irrungen, Wirrungen", in dem es ebenfalls um "erotische Beziehungen adliger Herren zu Mädchen oder Frauen aus dem Kleinbürgertum" geht, habe sich der Romancier aber schon vor der Geschichte vom Baron Botho von Rienäcker und von der Weißnäherin Lene Nimptsch beschäftigt. Joachim Kleine sprach zu Recht von den zwei Teilen der Erzählung, die gleich wichtig wären - die ersten fünfzehn Kapitel und die folgenden elf. Dann ging der Referent noch genauer auf das Ende und den Anfang der vom Autor so genannten "Novelle" ein. Der Adlige Baron von Rienäcker kam im Vortrag meines Erachtens schlecht weg; neben einigen anderen Textstellen spielte auch dessen Eingeständnis im letzten Satz "Gideon ist besser als Botho" kaum eine Rolle und wurde weder näher untersucht noch gewertet. Dagegen ging es recht ausführlich um das erste Kapitel, das sich mit "einer großen, feldeinwärts erstreckenden Gärtnerei" "an dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem 'Zoologischen'" befasste. Ist es eigentlich wirklich wichtig, ob und wo dort damals eine Gärtnerei mit "einem kleinen dreifenstrigen Haus" lag, ob Fontane diesen "Schnittpunkt" aufgesucht hat und wo wir ihn heute zu suchen hätten? Lassen wir doch den Romancier selbst zu Wort kommen, der 1875 in einer Rezension des Romanzyklus "Die Ahnen" von Gustav Freytag schrieb: "Was soll ein Roman? Er soll uns ... eine Geschichte erzählen an die wir glauben. Er soll zu unserer Phantasie und unserem Herzen sprechen, Anregung geben, ohne aufzuregen; er soll uns eine Welt der Fiktion (=Erdichtung, Erfindung - H.E.) als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen, soll uns weinen und lachen, hoffen und fürchten, am Schluss aber empfinden lassen, teils unter lieben und angenehmen, teils unter charaktervollen und interessanten Menschen gelebt zu haben, deren Umgang uns schöne Stunden bereitete, uns förderte, klärte und belehrte. Das etwa soll ein Roman." "Ein Buch lebt vom Leser" - denn der realisiert immer die vom Dichter geschaffene Welt für sich selbst und ist oft enttäuscht, wenn ein Theaterstück, Film oder Fernsehspiel seinen Vorstellungen nicht entspricht. Deshalb sollte eine Lesung auch nicht in jedem Fall zugleich eine Wertung, immer aber eine Anregung sein! 28.02.2005, Märkische Allgemeine, Horst Erdmann | |||||||