Ein Rätsel aus Gips Auf Bronze getrimmte Voltaire-Büste ist Objekt des Monats im Museum | |||||||
NEURUPPIN Dieser Voltaire ist eine echte Mogelpackung. Gaukelt dem Betrachter vor, er sei mitsamt seinem Lorbeerkranz aus Bronze und erweist sich als schnöder Gipskopf. Einmal anklopfen und die Illusion ist futsch. Seit gestern ist die geschickt auf grünspanpatiniert getrimmte Büste des französischen Schriftstellers und Philosophen im Neuruppiner Museum zu bestaunen - als Objekt des Monats Februar und als Beispiel für die Kuriositäten im Fundus des Hauses. Warum Voltaire? Zur Zeit vor allem, weil sich über die Geschichte der Büste so herrlich spekulieren lässt. Das Exponat soll zeigen, dass Museumsarbeit mehr ist als sammeln und ausstellen. Zur Plastik von Voltaire alias Francois Marie Arouet (1694 - 1778) - müssen Museumsleiter Hansjörg Albrecht und seine Mitarbeiter nämlich noch einiges erforschen: Fest steht bisher nur, dass die Büste in den 60er Jahren beim Entrümpeln des Dachbodens im Alten Gymnasium gefunden wurde. Alles andere lässt sich nicht beweisen, "kann aber auch nicht ausgeschlossen werden", sagt Hansjörg Albrecht. | ![]() | ||||||
Derzeit gefällt dem Museumsleiter eine Theorie besonders gut. Die nämlich, wonach die Voltaire-Büste zusammen mit anderen Plastiken - etwa von Gotthold Ephraim Lessing, Emmanuel Kant und Hans Joachim von Zieten Mitte des 19. Jahrhunderts den Tempel im Neuruppiner Tempelgarten schmeckte. Die Familie Gentz hatte den Bau auf dem Hügel mit allerlei berühmten Persönlichkeiten ausstaffiert: An den Wänden hingen Portraits von Prinz Heinrich und Friedrich II., und neben Büsten des Husarengenerals von Zieten und des Dichters Lessing soll eben auch Voltaire im Tempel zu sehen gewesen sein. Aber das ist wie gesagt reine Spekulation. Unklar ist auch, wie die Büste auf den Dachboden des Alten Gymnasiums gelangte. Museumsleiter Hansjörg Albrecht hält es genauso für möglich, dass sie vom Direktor der Schule in Auftrag gegeben worden ist. Immerhin galt Voltaire als einer der wichtigsten Vertreter der französischen Aufklärung. Kurzum: Er war ein Mann, mit dessen Abbild sich jede Schule gern geschmückt hätte. Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am Deutungs- und Machtmonopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Wegbereiter der Französischen Revolution. Aufschluss über die Entstehung der Büste erhoffen sich Museumsleiter Albrecht und seine Mitarbeiter von Nachforschungen in der Stadt. Wer hat die Plastik in Auftrag gegeben? Wo ist der Gipsabguss hergestellt worden? Diesen und anderen Fragen will das Museumsteam nachgehen. Insofern ist die Voltaire-Büste einen Monat lang ein Symbol für die Kernaufgabe eines Museums: durch Forschung Fragen zu klären und die Öffentlichkeit an neuen Erkenntnissen teilhaben zu lassen. "Aufklärungsarbeit eben", sagt Hansjörg Albrecht. Die hat das Museum auch mit dem Objekt des Monats Januar geleistet. Speziell im letzten Drittel des Monates seien noch einmal viele Besucher gekommen, um die Feldmannchronik zu bestaunen. Zur Freude des Museumsleiters interessierten sich vor allem ältere Leute für das Werk; viele brachten ihre Enkel mit. Inzwischen liegt das kostbare Buch wieder in einem feuersicheren Schrank im Keller. Dort bewahrt das Museumsteam den Fundus auf. Einige Exponate werden die nächsten Objekte des Monats sein. Welche? Das wird noch nicht verraten. Wer die Voltaire-Büste bestaunen will, hat noch bis Ende Februar Gelegenheit. Die Plastik ist dienstags bis freitags sowie sonntags jeweils von 11 bis 16 Uhr im Erdgeschoss des Hauses August-Bebel-Straße 14/15 zu sehen. Bildunterschrift oben (nicht hier im Internet): Helmut Behrendt vom Tempelgartenverein hat seine Theorie zur Büste: Sie könnte im Tempel gestanden haben. Das Lächeln eines Aufklärers: Voltaire alias Francois Marie Arouet. Fotos (2): Peter Geisler 09.02.2006, Märkische Allgemeine, Juliane Becker 22.02.2006, Wochenspiegel | |||||||
Das "Rätsel aus Gips" im Museum Neuruppin? | |||||||
Am Donnerstag, dem 9. Februar, konnte man im "Ruppiner Tageblatt" der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" lesen, dass als "Objekt des Monats" im Neuruppiner Museum eine "Voltaire-Büste aus Gips zu sehen" sei. Unter dem Titel "Moment mal" hieß es, sie wäre "rätselhaft" und würde ausgestellt, obwohl "der französische Philosoph mit Neuruppin wahrscheinlich nichts am Hut hatte". Einige der bei der Vernissage anwesenden Damen und Herren hofften aber, dass "sich das Rätsel der Büste lösen lässt, wenn sie nicht mehr nur im Keller steht und einstaubt". Auf der nächsten Seite der Zeitung folgte dann ein längerer Artikel unter der Überschrift "Ein Rätsel aus Gips", in dem unter anderem der Satz zu lesen war: "Museumsarbeit ist mehr als sammeln und ausstellen." Die Richtigkeit dieser Feststellung ist leicht nachzuweisen. Statt von Theorien und Spekulationen zu sprechen, von denen in diesem ausführlichen Beitrag die Rede war, hätten einige der aufgetretenen Fragen bei einem Studium vorhandener Quellen relativ schnell und korrekt beantwortet werden können. So etwa wie der vorangegangene Absatz lautete auch meine Einleitung für einen Artikel, den ich "Kein Rätsel aus Gips"' nennen wollte und der in der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" erscheinen sollte. Er wurde jedoch wegen der immanenten Kritik als regulärer Beitrag von der Kreisredaktion abgelehnt und hätte höchstens als Leserbrief erscheinen können. Das aber wollte ich nicht. Und so venvende ich den weiteren Text meines Manuskripts jetzt für diesen Beitrag zu unserem Mitteilungsblatt, vor allem auch deshalb, weil sich meines Erachtens darin zeigt, dass manche der Publikationen des "Historischen Vereins der Grafschaft Ruppin" auch heute noch von Bedeutung sind. In der "Geschichte Friedrichs des Großen" von Franz Kugler, die kurz vor Weihnachten 1842 erschien, wird deutlich, dass der französische Philosoph und Schriftsteller zwar nichts "mit Neuruppin am Hute hatte", wohl aber mit dem Preußenkönig. Dieser hatte schon 1749 Voltaire nach Potsdam eingeladen, der ein Jahr später, im Juli 1850, in Sanssouci eintraf, "um fortan bei Friedrich zu bleiben" - so zu lesen bei Franz Kugler. Der Biograf schildert zunächst ausführlich den Einfluss des Franzosen auf das Leben am Hofe, seine Beziehungen zu dem jungen König und deren Bedeutung für den "Philosophen von Sanssouci" und geht anschließend umfassend ein auf die Beweggründe für das Ende des Aufenthalts Voltaires in Potsdam im Jahre 1753. Aber auch weiterhin spielte der französische Denker und Dichter im Leben des Preußenkönigs immer wieder eine wichtige Rolle. Eine zuverlässige Quelle, die auf die "reinen Spekulationen" in dem MAZ-Artikel "Ein Rätsel aus Gips" Antwort gibt, ist eine Publikation, die im Jahre 1931 in Neuruppin erschien. Das Heft 4 der Reihe "Ruppiner Heimat" wurde damals herausgegeben vom Historischen Verein der Grafschaft Ruppin. Sein Verfasser war der Studienrat am Neuruppiner Friedrich-Wilhelms-Gymnasium Dr. Fritz Haagen, und sein Titel lautete "Alexander Gentz Aufstieg und Niedergang einer Ruppiner Kaufmannsfamilie". (Ein "Faksimile des Originals", das man sich vielleicht auch heute noch kaufen oder ausleihen kann, wurde 1994 von der Neuruppiner Druckerei Kroll hergestellt.) In dem Kapitel "Die Ausschmückung des Tempelgartens", der ja seit 1853 Eigentum der Familie Gentz war, bestätigte der Autor, dass "der Tempel zu einer Erinnerungsstätte an Friedrich den Großen geweiht wurde". Er fuhr dann fort: "Der Tempelgarten ist uns allen bekannt. Weniger bekannt dürfte die Ausstattung des Tempels sein, den Alexander aus tiefem Verfall wieder herstellte, als hätte ihn Friedrich der Große soeben verlassen. ... Zu beiden Seiten des Kamins waren zwei Spiegelnischen angebracht, die Nischen selbst ausgefüllt mit Werken Voltaires und den Oden Friedrich des Großen. ... Über dem Kamingesimse hing in rotbraun gehaltener Nische das Marmorrnedaillon Friedrichs des Großen. ... Die übrigen Wandfelder waren geschmückt mit Büsten von Zeitgenossen Friedrichs des Großen: Voltaires, des Prinzen Heinrich, Glucks, Lessings, Kants und Zietens; sie standen auf Barockkonsolen von vergoldetem Schnitzwerk.. ... Leider gibt uns Fritz Haagen keine Auskunft über das Material der Skulpturen und Konsolen, es könnte sich aber durchaus um "auf Bronze getrimmte Büsten" handeln. Auf alle Fälle jedoch sind die Ausführungen des Studienrats keine 'Theorie' oder 'Spekulation', sondern die Beschreibung einer 1931 und vielleicht auch noch bis 1945 und darüber hinaus vorhandenen Realität. Wie diese "Büste auf den Dachboden des Alten Gymnasiums gelangte", wird wohl kaum noch festzustellen sein. Alle die Büsten im Tempel waren sicherlich von Alexander Gentz in Auftrag gegeben worden, und der Ort der Herstellung könnte möglicherweise Dresden gewesen sein. Aber auch das wird sich kaum noch herausfinden lassen. Aber wenn die Plastik in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts beim Entrümpeln des Dachbodens gefunden und anschließend ins Museum gebracht worden ist, stand sie dort nur etwa ein Dutzend Jahre im Depot. Als ich Anfang der 80-er Jahre des vergangenen Säkulums an der Gestaltung der beiden Fontane-Räume im Museum mitarbeiten durfte, wurde 1981 auch die für Friedrich den Großen bestimmte Räumlichkeit neu hergerichtet. So erhielt die Büste Voltaires vor etwa einem Vierteljahrhundert ihren Platz in dem relativ kleinen, dem Preußenkönig gewidmeten, Zimmer. Bis zum Jahr 2000 hatte sie ihn inne, daran können sich außer mir sicherlich auch noch viele Neuruppiner und auswärtige Besucher erinnern. Aus welchem Grunde sie dann dort nicht mehr zu sehen war, ist mir nicht bekannt. So hat sie aber wahrscheinlich doch nur ein gutes halbes Jahrzehnt "im Keller gestanden", in dem sie angeblich"eingestaubt" sein soll. "Museumsarbeit" ist also ganz sicher "mehr als sammeln und ausstellen" sowie die Formulierung von Theorien oder Spekulationen, sondern doch wohl auch vorrangig das Suchen nach zuverlässigen Auskünften und sicheren Quellen. 15.02.2007, Mitteilungen Nr. 17, Horst Erdmann | |||||||