Archäologische Beobachtungen bei aktuellen Baumaßnahmen | |||||||
Baugeschehen allerorten - ein sichtbares Zeichen für Veränderungen in den neuen Bundesländern. Schachtungsarbeiten größeren Ausmaßes, zumal in Ortskernbereichen oder bei bekannten bedeutsamen historischen Örtlichkeiten, lohnen eine Einbindung archäologischer Betreuung, weil eine erheblicher Erweiterung des Kenntnisstandes zur Territorial- und Ortsgeschichte zu erwarten ist. Derartige Quellen würden ansonsten unbeachtet vernichtet werden. Zwei Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sollen dies veranschaulichen. Alt Ruppin Seit dem Frühjahr diesen Jahres sind, wie in vielen Orten des Kreises, komplexe Arbeiten zur Ab- und Trinkwasserkanalisation in Alt Ruppin in Gange. Trotz bereits angelaufener Schachtungsarbeiten und zurückhaltender baubegleitender archäologischer Betreuung konnte eine Reihe von Beobachtungen gerade im besonders sensiblen Bereich um die mittelalterliche "Planenburg" (heute Forstamt) dokumentiert werden. Die Grabenaufschlüsse zeigten ab etwa 1,80 m bis 2,20 m Tiefe zahlreiche massive Pfostensetzungen bzw. einmalige horizontale Balkenlagen, die noch in gutem Zustand erhalten waren. Der Verlauf der Pfahlsetzungen streift die im Grundriss überlieferte steinerne Burganlage des 15./16. Jahrhunderts unmittelbar östlich. Vermutlich handelt es sich um Reste von Uferbefestigungen eines ehemals vorhandenen umlaufenden Wassers, wie er auf alten Kartendarstellungen der Burg noch erkennbar ist. Auch an einen ehemaligen hölzernen Bohlenweg wäre zu denken. Eine sichere Deutung wird von weiteren Befunden in diesem Bereich abhängen. Westlich der alten Schlossbrücke wurden unbeachtet zahlreiche Hölzer verschiedener Konstruktion ausgebaggert, deren Gestaltung (Aussagen der Bauleute bestätigten dies) auf eine spundwandartige hölzerne Grabenbefestigung entlang der jetzigen Fahrstraße hindeutet. Eine alte Karte aus dem 16. Jahrhundert (s. K. Grebe 1978 in: Ausgrabungen und Funde Nr. 23, H. 2, Taf. 16) stellt diesen Graben, der die Halbinsel quer abriegelte, sehr augenscheinlich dar. Diese Befunde ergänzen ältere Untersuchungen, die auf dem Gelände der mittelalterlichen Burg bereits 1932 und in den 80-er Jahren d. Jh. durchgeführt wurden und auch Hinweise auf bronzezeitliche und spätslawische Nutzung sowie ein frühmittelalterliches Körpergräberfeld ergaben. Heute deutet nichts mehr auf die ehemalige Existenz der einst etwa 90 x 140 m messenden, auf einer Merianschen Darstellung des 17. Jahrhunderts und o.g. bzw. weiteren Kartendarstellungen des 16. bis 18. Jahrhunderts überlieferten steinernen Burganlage hin, nachdem sie letztlich im 18. Jahrhundert bis auf die Grundmauern abgetragen worden war. Inwieweit die neuesten Holzbefunde Vermutungen auf eine hölzerne Vorgängerburg des 13. Jahrhunderts erhärten, bleibt Ergebnissen dendrochronologischen Untersuchungen an Holzproben sowie weiteren archäologischen Untersuchungsmöglichkeiten vorbehalten. Es ist zu erwarten, dass bemerkenswerte Erkenntnisse bei den noch laufenden Bauarbeiten gewonnen werden. Garz Äußerst aufschlussreich waren auch die Einblicke, die bei der Verlegung einer Abwasserleitung in Garz im Frühjahr d. J. möglich wurden. Aufgefallen war den Bauarbeitern eine Gefäßscherbenkonzentration in einer graubraunen Grubeneinsenkung an der senkrechten Schachtungswand. Es stellte sich heraus, dass sie von mehreren großen Vorratsgefäßen einer früheisenzeitlieben/frühgermanischen Siedlungsstelle stammte, welche vor etwa 2.500 Jahren ein größeres Areal um die Kirche Garz einnahm. Die genaue Ausdehnung war aufgrund unzureichender Aufschlüsse nicht mehr auszumachen. In einem Grabenzug zwischen Kirche und Gutshof wurde in 80 bis 90 cm Tiefe ein Feldsteinpflaster sichtbar, das offenbar zu einem mittelalterlichen Straßenhorizont gehört. Im weiteren Verlauf konnten Beobachtungen im Bereich des Gutsgeländes festgehalten werden. Zweifellos am interessantesten ist die Entdeckung einer slawischen Siedlung, die in mehreren Grabenbereichen fassbar war und sich offenbar über den Gutshof sowie in den Park südlich des Herrenhauses ausdehnte. Die Funde datieren etwa ins 10. bis 12. Jahrhundert. Funde und Geländeformungen im Gutspark westlich des Herrenhauses Richtung Temnitz lassen außerdem eine stark verschliffene slawische Burganlage vermuten, deren endgültiger Nachweis noch durch archäologische Sondierungen bzw. historisches Kartenmaterial zu erbringen wäre. Sehr wahrscheinlich ist hier die slawische Burg "Garz" zu lokalisieren, welche dem jetzigen Ort seinen Namen gab. Zeitlich gesehen dürfte auf dem Gutshof eine mittelalterliche Burganlage des 13./14. Jahrhunderts folgen, deren Nachweis bisher ebenfalls noch aussteht. Immerhin deutet der lokale Name "Burg" für den steinernen Wohnturm des 14./15. Jahrhunderts, eine in Brandenburg einmaligen Anlage, darauf hin. Westlich des Wohnturms konnte im Abwassergraben ein Wassergrabenprofil beobachtet werden, dessen zeitliche und funktionelle Zuordnung zum Wohnturm oder zu einer mittelalterlichen Burg noch unklar ist. Nach den Funden aus seinen Verfüllschichten wurde er aber erst im 18. Jahrhundert, vermutlich bei Errichtung des späteren, jetzt umfangreich restaurierten Gutshauses verfüllt. Wenngleich noch manches um den Gutshof/Burgbereich spekulativ erscheint, so gibt die sich abzeichnende Platzkontinuität des Herrensitzes in Garz seit der slawischen Zeit bis ins 18. Jahrhundert und weiter gerade dieser Örtlichkeit eine größere Bedeutung und mahnt zu weiteren archäologischen Beobachtungen. Klaus-Jürgen Schmidt Mitteilungsblatt Nr. 2 - Juli 1992, Seite 8 + 9 | |||||||