Die Orgel in der Kirche zu Radensleben

Wer als Tourist heute nach Radensleben kommt, ist meistens auf der Durchfahrt nach Wustrau zum ehrwürdigen Zieten-Schloss oder möchte in Rheinsberg Schloss und Park besuchen.

Radensleben konnte auch in der Vergangenheit nicht mit besonderem touristischem Reiz auf sich aufmerksam machen, obwohl es hier in dem 600-Seelen-Dorf einiges gibt und sicher in der Zukunft geben wird, an dem man nicht mehr achtlos vorüber gehen sollte.

Da ist zum Beispiel das Schloss, in dem heute Senioren ihren Lebensabend verbringen. Dieses Schloss ist der ehemalige Herrensitz der Familie von Quast. Landräte des Kreises Ruppin gingen aus dieser Familie hervor. Der berühmteste Sohn aber war Ferdinand von Quast (1807 - 1877). Er wurde hier in Radensleben geboren, und seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Campo Santo an der Ostseite der alten, im 13. Jahrhundert erbauten Dorfkirche gegenüber dem Schloss.

Ferdinand von Quast wurde 1843 zum Ersten "Conservator der Kunstdenkmäler" des Preußischen Staates ernannt und erhielt später den Rang eines "Geheimen Regierungsraths" in Preußen. Er machte seinen Geburtsort Radensleben zu seiner Zeit zu einem Kulturmittelpunkt, indem er von seinen vielen Reisen Kunstsammlungen zusammen trug, die einen unschätzbaren Wert hatten. Nach dem Tode seines Vaters 1830 übernahm er die Verwaltung des väterlichen Gutes und veranlasste in den folgenden Jahren den Umbau des Herrenhauses.

Ab 1864 widmete von Quast sich besonders der Renovierung der alten, aus Feldsteinen erbauten Dorfkirche, in der auf der Westempore heute noch eine kleine Orgel steht, um deren Erhalt gerungen wird, da seit Jahrzehnten der Holzwurm seine leider erfolgreiche Gefräßigkeit zeigt. 1855 beauftragte Ferdinand von Quast Friedrich Herrmann Lütkemüller aus Wittstock, einen der bekanntesten Orgelbauer aus dem norddeutschen Raum, für die Dorfkirche eine neue Orgel zu bauen. Es ist zu vermuten, dass die damals vorhandene Orgel nicht mehr zu gebrauchen war und im Zuge der Renovierung ein neues Werk eingebaut werden sollte.
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Die vorhandene Orgel, 1709 von Christian Kreynow für die Kirche in Neustadt/Dosse erbaut, wurde im Jahre 1764 im Auftrage des damaligen Kirchenpatrons für 40 Reichstaler gekauft und nach Radensleben gebracht. Im Anhang zu den "Berlinischen Frag- und Anzeigungs-Nachrichten, worinnen Sachen zu verkaufen.... sind in und außerhalb Berlin etc., Num. XXXI. Montags, 1. August 1763" wurde die Orgel wie folgt zum Verkauf angeboten:

"Es soll zu Neustadt/Dosse eine noch gut conditionierte Orgel, an deren Stelle daselbst eine neu erbauet wird, und welche in einer kleinem Kirche noch wohl zu gebrauchen ist, öffentlich an den Meistbietenden verkaufft werden, wozu der 6. Sept. a.c. angesetzt ist. Die Kaufflustigen werden belieben, an bemerktem 6. Sept. a.c. morgens um 9.00 Uhr sich auf dem Königl. Amte daselbst einzufinden, ihre Licita ad Protocollum zu geben und zu gewärtigen, daß diese Orgel nach erfolgter Approbation des Königl. Preuß. Churmärk. Amtskirchen-Revonuen-Direction, plus offerenti zugeschlagen werden soll."

Und in einer Kirchenbeschreibung zu Beginn des 19. Jahrhunderts lesen wir: "Die vorhandene Orgel mit 13 Registern, Pedal und 3 Balgen, früher von der Kirche zu Neustadt erkauft, ist fast gleichzeitig durch den Orgelbauer Turlay in Treuenbrietzen völlig gut wiederhergestellt worden und giebt dieser Kirche einen achtbaren Mehrvorzug, dem Gesang eine kräftige Haltung, der Andacht mehr Fayer, ja erleichtert selbst die freyere Wahl mancher guten aber oftfalls vergessenen Kirchenmelodien."

Die historische Orgel sollte also auf Wunsch Ferdinand von Quasts ein neues Werk erhalten. Der Briefwechsel zwischen von Quast und F. H.  Lütkemüller gibt darüber Aufschluss, wie der Orgelbauer versuchte, von Quast zu überzeugen, dass eine komplette neue Orgel die beste Lösung darstellte. Durch seine Arbeit als Landeskonservator erkannte Ferdinand von Quast aber den Wert der historischen Orgel und bestand darauf, dass, wenn schon das Orgelwerk ersetzt werden müsste, der alte Prospekt der Orgel wenigstens erhalten bliebe und Lütkemüller sein neues Orgelwerk in diesen Prospekt einpassen sollte.

Hier antwortete Lütkemüller: "Euer Hochwohlgeboren haben nun wohl die Güte und zeichnen den alten Prospect und senden mir denselben mit beifolgender rectificierter Scitze, recht bald wieder zu, damit ich mit Sicherheit die Verhältnisse der neuen Orgel darnach einrichten kann. Die Beibehaltung des Alten ist für mich in mehrfacher Beziehung unbequem. Das alte Principal 4 Fuß hat eine so mangelhafte Mensur (es wird gegen den Diskant so ungemein eng), daß ich um die Harmonie der neuen Disposition nicht zu beeinträchtigen, genöthigt bin, den Praestant 4 F. von a auf 26 bis 29 Pfeifen doppelt anzufertigen um die kleinen Felder stumm stellen zu können, außerdem sind die Conducten zu den kleinen Pfeifen auch ebenso kostspielig als die Pfeifen selbst."

Die Orgel wurde schließlich so gebaut, wie von Quast sich das vorstellte, und am 12. Dezember 1855 schrieb Lütkemüller an den damaligen Pfarrer Friedrich Wölbling in Radensleben: "Wünschen Sie mein verehrtester Herr Prediger und der Geheimrath von Quast die Orgel noch vor dem Feste aufgestellt zu haben ... so müssen am Freitag 2 große Wagen mit je vier Pferden in Wittstock eintreffen, und womöglich etwas früh, damit ich am Nachmittag noch aufladen kann und wir am kommenden 15ten ungehindert von hier abfahren können. Jeder Wagen muß 6 Bund Stroh, eine Plane und Stricke und Stangen zum Binden bei sich haben. Die Kälte des Winters hoffe ich mit Gottes Hülfe noch in Radensleben zu überwinden und schließe mit der Bitte für mich und zwei Gehülfen gütigst Quartier bestellen zu wollen. Hochachtungsvoll Euer Hochehrwürdiger treu ergebenster F. H. Lütkemüller."

Die Anlieferung der Orgel wurde schließlich aus wetterbedingten Gründen auf Anfang des Jahres 1856 verschoben.

Und schon damals gab es bei manchen Geschäften Schwierigkeiten mit der Bezahlung. In einem Brief vom 8. März 1857, also mehr als einem Jahr nach dem Aufstellen des Instruments in der Kirche, schrieb Lütkemüller an den Pfarrer Wölbling:

"Hochgeehrter Herr Pastor! Es ist für mich eine besondere Freude von Ihnen zu hören, daß Sie mit dem von mir gelieferten Orgelwerke für die Kirche zu Radensleben wohl zufrieden sind und Sie sich aus Überzeugung veranlaßt finden mich femerweit zu empfehlen und hege ich die Hoffnung mit des Herrn Hülfe noch manches Werk zu beschaffen welches brauchbar und tüchtig ist den Gesang der Gemeinde zu erheben zu veredeln und zum Lobe Gottes beizutragen.

Was die contractliche Restzahlung von 100 Thaler betrifft so kann ich diese Summe wohl noch ein Jahr stunden aber nur gegen 5 Procent Zinsen; denn wenn ich dieselben in Materialien umlege so müßtcn 100 Thaler noch mehr tragen. Eigentlich standen mir im ersten Jahr schon 5 Procent Zinsen zu und es war weder billig noch chorect daß der Herr Patron bei den jetzigen Materialpreisen meinen geringen Verdienst noch bürgte..."

So wie die kleine Orgel 1856 in die Kirche zu Radensleben eingebaut wurde, so können wir sie heute noch sehen.

Allerdings sollten 1917 im I. Weltkrieg die drei Glocken im Turm und die Zinnpfeifen der Orgel eingeschmolzen werden. Während die Glocken von dieser Maßnahme verschont blieben, fielen die Prospektpfeifen der Verordnung zum Opfer und wurden durch die weniger wertvollen Zinkpfeifen ersetzt. Bei einer künftigen Restaurierung wird man darum bemüht sein, die Prospektpfeifen wieder auszutauschen und durch Zinnpfeifen der Orgel den barocken Klang zurückzugeben.

Die hervorragende Handwerkskunst eines Lütkemüller im vorigen Jahrhundert hat dazu beigetragen, dass wir heute noch ein Instrument zur Verfügung haben, das einen hohen Wert darstellt und um dessen Erhaltung wir uns sorgen. Wie gesagt, der Holzwurm nagt unablässig an Orgel und Empore. Die Holzpfeifen sind bereits so stark beschädigt, dass klangliche Beeinträchtigungen nicht zu vermeiden sind.

Bei der Renovierung der Kirche im Jahre 1962 erhielt das Orgelgehäuse einen neuen Farbanstrich, und das Schnitzwerk des Prospektes wurde mit Blattgold vergoldet. Das Orgelwerk selbst wurde nicht in die Renovierungsarbeiten einbezogen.

Seit Beginn des Jahres 1990 werden regelmäßig Konzerte zugunsten der Wiederherstellung der Orgel in der Kirche zu Radensleben veranstaltet. Mitglieder des Chores der Deutschen Oper Berlin, Organisten aus Berlin, der Männerchor "Liederhain" Radensleben sowie das Doppelquartett Neuruppin wirkten bei den bisherigen Konzerten mit. Mit diesen Veranstaltungen soll die finanzielle Grundlage für die Restaurierung des Instrumentes geschaffen und ein Beispiel gegeben werden, in welcher Weise Hilfe und Unterstützung durch eine rein private Initiative geleistet werden kann. Ganz besonders ist hier zu erwähnen, dass viele Berliner und Neuruppiner Geschäftsleute sowie Banken durch Spenden die Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltungen unterstützen. Bisher wurden 5 Konzerte veranstaltet. Der Eintritt zu diesen Veranstaltungen ist frei. Das nächste Konzert ist für den Herbst 1992 geplant.

Es ist eine große Arbeit, ein solches Projekt in privater Initiative durchzufahren. Der zeitliche Aufwand stößt an die Grenzen der Machbarkeit, wenn man im Berufsleben steht. An dieser Stelle sei allen Mitarbeitern, Familien in Radensleben und Umgebung, Spendern und allen beteiligten Firmen herzlich für die bisher geleistete Hilfe gedankt.

Es wird hoffentlich nicht mehr allzu lange dauern, dann werden Reisende auch hier in Radensleben einmal Halt machen und sich die alte Dorfkirche mit der schönen kleinen Orgel ansehen.

Theodor Fontane schreibt in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in seinem Bericht über Radensleben: "Durchreisende gibt es hier nicht, und jeder dem man begegnet, der ist hier zu Haus ... es legt hier nur an, wer landen will."

Die Zukunft wird zeigen, ob wir weiterhin davon ausgehen müssen.

Die Spendenkonten für die Wiederherstellung der Orgel lauten:

Berliner Commerzbank AG,
W-1000 Berlin 12, Bismarckstr.
BLZ 100 400 00, Kto.-Nr. 56 35 933

Deutsche Bank AG,
0-1950 Neuruppin, Karl-Marx-Str. 48, BLZ 120 700 00, Kto.-Nr. 351 05 18

Edith Debik

Mitteilungsblatt Nr. 2 - Juli 1992, Seite 8 + 9
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