Der Bronzeschatz von Herzberg

Im Herbst 1991 wurde dieser einzigartige archäologische Fund bei Baggerarbeiten im Torfboden nordwestlich des Dorfes Herzberg, Kreis Neuruppin, gefunden. Es handelt sich um eine Deponierung einer Amphore mit fünf kleinen Bechern aus getriebenem Bronzeblech vom Ende der Bronzezeit (etwa 1000 bis 700 v. Chr.). Eine ähnliche Amphore wurde im Brandenburgischen bisher nur 1899 in Seddin, in der Prignitz, gefunden.
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Am 21. August 1992 fand eine außergewöhnliche Veranstaltung im Brandenburgischen Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte statt: Der Kultusminister Hinrich Enderlein prämierte die Finder eines geradezu sensationellen Fundes. Was war geschehen? Nordwestlich des Dorfes Herzberg, Kreis  Neuruppin, schlängelt sich als Relikt einer weichseleiszeitlichen Schmelzwasserrinne der Werbellingraben. Etwa 500 m südlich des "Schönen Berges" erweitert sich die Niederung zu einer Ausbuchtung von ca. 60 m. Hier waren Ende September 1991 Bauarbeiter mit Austorfungsarbeiten zur Anlage eines Ökoteiches beschäftigt, als ihr Bagger plötzlich in etwa ein Meter Tiefe mit dem Torf auch ein eimerartiges bronzenes Gefäß griff. Nach dem Entleeren der Baggerschaufel rutschte, zum Erstaunen der verdutzten Finder, beim Freilegen des Gefäßes mit dem krümeligen Torf auch ein übereinander gestellter Satz von fünf kleinen becherartigen Bronzegefäßen aus dem Innern der großen Amphore.

Obwohl die "absonderlichen, wohl altertümlichen" Gefäße noch am selben Tag dem Heimatmuseum Neuruppin 2  überbracht wurden, wo man die Besonderheit der Stücke sofort erkannte und die notwendigen bodendenkmalpflegerischen Schritte einleitete, konnte die Befundsituation nur noch indirekt ermittelt werden, da der engere Fundbereich der Amphore bereits abgebaggert war.

Kriminalistische Befragungen der Finder, Entnahme von Erdbohrungen im näheren Umfeld, Erkundungen im Aushubbereich sowie Labor- und Werkstattuntersuchungen im Brandenburgischen Landesmuseum 3 lassen es aber zu, die Deponierungsgeschichte zu rekonstruieren.

Der Fundkomplex ist durch die Gefäßtypen und ihre Kombination ans Ende der Bronzezeit, in die Periode des Nordischen Kulturkreises (etwa 1000 - 700 v.Chr.), zeitlich einzuordnen. Alle Gefäße sind aus getriebenem Bronzeblech hergestellt. Das auffälligste ist zweifelsohne jene große dreigliedrige Amphore, die noch mit einer Höhe von 27,0 cm erhalten ist und 34,7 cm im Durchmesser aufweist. Durch die äußere Formgebung und die Verzierungsart aus Punkt-Buckel-Ornamenten erinnert sie unmittelbar an ein sehr ähnliches Gefäß, das sich 1899 neben zahlreichen weiteren Fundgegenständen als Graburne in einem großen Tongefäß befand, welches in einer steinernen Grabkammer unter dem riesigen 90 m Durchmesser und 11 m Höhe messenden Grabhügel bei Seddin (Prignitz) aufgefunden wurde. Hier berichtet die Sage, dass der Riesenkönig Hinz in einem dreifachen Sarg bestattet worden wäre. Aus dieser Verbindung mit der Bestattung einer offensichtlich sozial sehr hoch stehenden Persönlichkeit (Stammeshäuptling?) lässt sich der damalige Wert unseres Bronzedepots erahnen. In Brandenburg stellen die beiden Gefäße von Seddin und Herzberg die bisher einzigen bekannten Exemplare diese Typs dar und bilden offenbar mit ähnlichen Gefäßen aus Dänemark (Rorbaek) und Polen (Unia) eine typologisch engere Gefäßvariante nördlicher Provenienz. Vergleichbare Formen zu diesem Gefäßtyp finden sich noch vereinzelt in Westfalen, Ungarn und Mittelitalien.

Ob unsere Amphore, wie das Seddiner Stück, eine Abdeckung hatte, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen, aber aus der Befundsituation heraus als wahrscheinlich annehmen (organische Abdeckung?).

Die kleinen 5,6 bis 6,9 cm hohen Bronzebecher haben einen gewölbten Boden (Omphalos) und mit einer Ausnahme ein fast rechtwinklig umgebogenes Randstück. Drei dieser Becher sind im unteren Gefäßteil mit getriebener Leisten-Buckel-Zier versehen, die dem Amphorengefäß ähnelt. Ein vierter unverzierter, vermutlich unvollendeter, Becher wäre hier anzuschließen. Dieser, nur in wenigen Exemplaren vertretene Gefäßtyp, ist fast ausschließlich auf das östliche Brandenburg und das östliche Sachsen beschränkt und somit ebenfalls als heimisches Produkt anzusprechen. Auffällig verschieden von diesen Bechergefäßen ist der fünfte kleine Becher mit konischem kurzen Hals, der durch strichgefüllte hängende Dreiecke und waagerechte Linien verziert ist. Vergleichbare Stücke gibt es bisher nur aus wenigen späturnenfelderzeitlichen Depotfunden Südwestdeutschlands, so dass dieser Becher bisher als einziges Importstück des Hortes gelten muss und einen Hinweis auf die weitläufigen Beziehungen jener Zeit geben kann.

Die Zusammensetzung des Hortes wird dadurch in der wissenschaftlichen Forschung eine bedeutsamere Rolle bei der Parallelisierung der Zeithorizonte des süddeutschen und norddeutschen Raumes spielen.

In seiner Zusammensetzung von Amphore und fünf ungehenkelten Bechern ist der Herzberger Fund offensichtlich bisher ohne Parallelen. Hier übernehmen die Becher die Funktion von Tassen anderer Funde, so dass der ganze Komplex ebenfalls als Trinkservice anzusehen ist, das bei profanen und kultischen Gelagen einer sozial hochgestellten Schicht der Bronzezeit, wie bei mediterranen Vorbildern, Verwendung fand.

Bedeutsam ist zudem, dass der Depotfund auch Hinweise zu den Hintergründen spätbronzezeitlicher Deponierung- und Opfersitten geben kann. Nach ersten Laborergebnissen fällt der Deponierungszeitpunkt mit dem Ende einer bronzezeitlichen (bisher noch nicht archäologisch nachgewiesenen) Siedlungstätigkeit in der näheren Umgebung und mit der Verlandung des bisher offenen Gewässers (vielleicht auch in größerem Rahmen?) zusammen. So lässt sich erahnen, dass die Niederlegung dieses, zur Bronzezeit äußerst wertvollen, Gefäßsatzes ein verzweifelter Versuch der bronzezeitlichen Gemeinschaft, unter bereitwilligem Handeln der sozialen Oberschicht, war, um durch eine Weihegabe an eine Gottheit (Wassergottheit) Einfluss auf die Erhaltung der Wasserstelle zu nehmen.

Anmerkungen
1. Dem Artikel liegt ein im Druck befindlicher Fundbericht von J. May/K.-J. Schmidt für "Ausgrabungen und Funde" zugrunde.
2. Dem umsichtigen Handeln der beiden Finder, Baggerführer Willi Brandenburg und LKW-Fahrer Rudi Skrebba, sowie ihres Meisters Wolfgang Bufe, der den Fund noch am gleichen Tag ins Heimatmuseum Neuruppin brachte, ist die Sicherstellung dieses bedeutsamen Fundes zu verdanken. Alle genannten gehören der Märkischen Landeskultur- und Tiefbau-Union GmbH, Betriebsteil Kerzlin, an.
3. Die Untersuchungen erfolgten vor allem durch Herrn Dipl.-Prähist. J. May, Herrn Dr. Kloss und Herrn Chefrestaurator R. Zumpe (alle Brandenburgisches Landesmuseum Potsdam).

Klaus-Jürgen Schmidt


Mitteilungsblatt Nr. 3 - Januar 1993, Seite 1 - 4
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