Friedrich Fontane  - der jüngste Sohn des Dichters

Sechs Kinder hatte während ihrer zu dieser Zeit mehr als dreizehn Jahre bestehenden Ehe Emilie Fontane geborene Rouanet-Kummer zur Welt gebracht - von ihnen waren nur drei am Leben geblieben: der 12-jährige George, der 7-jährige Theodor und die fast vier Jahre alte Martha -, als am 5. Februar 1864 die 39-jährige Frau ihrem fünf Jahre älteren Mann, dem damaligen "Kreuz-Zeitungs"-Redakteur Theodor Fontane, als letztes Kind den jüngsten Sohn schenkte: Friedrich Fontane.
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Es war keine leichte Zeit für das Ehepaar. Darüber gibt auch ein Brief Aufschluss, den der Dichter am 21. Februar 1864 an die Mutter in Neuruppin gerichtet hat. In ihm beklagt er sich: "... unsereins, der mit seinem bißchen Wissen und Verstand arbeitet, muß alles selber machen, kann keinen in Lohn und Kost nehmen, der ihm für 100 Taler fünfhundert taler verdienen hilft, unsereins muß immer selber ran, muß immer selber ran an die Ramme. Da ist's denn wahrlich nicht zu verwundern, wenn mitunter die Zeit nicht ausreicht und allerhand unterbleibt, weil eben die Hauptsache, der Lebensunterhalt, in erster Reihe verdient werden muß. Emilie hat im allgemeinen ein Einsehen davon, aber es kommt doch vor, daß sie sich über dies und das, das ich unterlassen haben soll, beschwert oder wundert, während sie doch wissen sollte, daß ich mir die Arbeiten, deren Ertrag uns erhält, nicht aus dem Ärmel schüttle. ... Sie nimmt an nichts ein lebhaftes Interesse und bratet - wie das bei solchen tiefen Nervenverstimmungen immer der Fall ist - über die Vorstellung von ihrem eignen Elend und ihrer Hinfälligkeit. Zum Glück ist das Kind wohl und munter..."

Aber, wie Hermann Fricke in seinem Beitrag "Der Sohn des Dichters - in memoriam Friedrich Fontane" für den 17. Band des "Jahrbuchs für Brandenburgische Landesgeschichte", Berlin 1966, S. 24 - 51, schreibt (dem ich in vieler Hinsicht in diesem Artikel folge und dem auch alle nicht gesondert gekennzeichneten Zitate entnommen sind - H.E.), es war das Interesse Theodor Fontanes "für den Nachkömmling" gegenüber der "Anteilnahme des Vaters an der Entwicklung der älteren Kinder ... erheblich herabgemindert". Und Fricke meint weiter: "Im Gegensatz zu den Geschwistern wuchs der Junge ganz als Berliner Range auf". Der Vater schrieb am 26. März 1874 über seinen zehnjährigen "Friedel" an Mathilde von Rohr: "Der Kleinste läßt es an sich kommen; er ist weniger begabt wie die anderen und weniger ehrgeizig, wird aber wohl auch seine Meriten haben. Ganz leer läßt der liebe Gott keinen ausgehn; die Eltern und Erzieher müssen nur ausfindig machen, wo die Spezialbegabungen liegen." Friedrich wurde eine "Leseratte", die "glücklich in Indianer- und Entdeckungsgeschichten" schwelgte. Er war nur ein mittelmäßiger Schüler und verließ das Französische Gymnasium, an dem es sein älterer Bruder Theodor zum "Primus omnium" gebracht hatte, mit dem sogenannten "Einjährigen-Zeugnis", mit dem ja auch sein Vater 1836 von der Friedrichswerderschen Gewerbeschule K. F. Klödens abgegangen war.

Vielleicht war das einer der Gründe für das wachsende "stille Einvernehmen" zwischen Theodor Fontane und seinem Jüngsten. Der Vater hatte auch keine Bedenken, als "Friedel" Buchhändler werden wollte. Die Leseratte hatte sich schon als Junge durch Freundschaften mit Setzern, Druckern und Metteuren gewisse Kenntnisse über das graphische Gewerbe angeeignet; er wusste Bescheid über Lettern und Papiere, über das Falzen und Heften, über Umbruch und Korrekturen. Im Gegensatz zu bedeutenden älteren Verlegern, die fast alle aus fremden Berufen "herüber gekommen" waren, gehörte Friedrich Fontane zu den ersten, die eine "fachtechnische Ausbildung erhielten". Sein Vater hat dem Sohn nicht nur während dessen Lehrzeit bei der Langenscheidtschen Verlagsbuchhandlung in Berlin, die dieser im Alter von 20 1/2 Jahren am 1. Oktober 1884 beendete, sondern auch während der folgenden "Wanderjahre" und der "Verlegerjahre" stets beratend und helfend zur Seite gestanden.

Über den fast 19-jährigen Buchhändlerlehrling urteilt Theodor Fontane in einem Brief vom 3. Januar 1883 an Mathilde von Rohr folgendermaßen: "...die Kinder - mit Ausnahme von Friedel, der einen gütigen, teilnahmsvollen, liebenswürdigen Charakter hat - sind, im letzten Winkel ihres Herzens, alle über 'die kleinen Lebensverhältnisse' verstimmt; alle drei sagen sich beständig, 'Gott, es seit doch aber auch ein Pech, daß  w i r  so arme Eltern haben müssen.'"

Von 1884 bis 1886 arbeitete Fontanes jüngster Sohn in Jena, Leipzig und Oldenburg; Ende September 1886 war er wieder in Berlin, wo er nach kurzzeitigen Beschäftigungen in der Wasmuthschen, der Claessenschen und der Seidelschen Buchhandlung im August 1887 in das Verlagsgeschäft von Emil Dominik eintrat.  Wie schon in seinen Lehrjahren war Friedrich auch nach der zweijährigen Abwesenheit ein zuverlässiger Helfer seines Vaters, der Bücher beschaffte, die Manuskripte überprüfte, sie zur Druckerei brachte und Vorkorrekturen las. Theodor Fontane unterrichtete seinen Friedel ständig genau über seine Erfahrungen mit den Verlagen und den Verlegern Hertz, Grote, Körner u.a.; von ihm stammte auch "die Idee einer Verlagsgründung". Handelsrechtlich wurde der Verlag "Friedrich Fontane & Co." am 1. Oktober 1888 etabliert: Der Vater brachte die Verlagsrechte auf alle noch zu schaffenden Werke ein, der Sohn die erforderlichen verlagsbuchhändlerischen Fachkenntnisse und "der junge dicke Lewy" als Kompagnon das nötige Kapital.

Nachdem vom Herbst 1889 bis November 1890 Fontanes "Gesammelte Romane und Novellen" noch im Verlag von Emil Dominik erschienen waren, übernahm nach der Erstpublikation von "Stine" zur Herbstmesse 1889 der Verlag des Sohnes zunehmend die Nachauflage früher in anderen Verlagen herausgegebener Romane und weiterer Werke. Allmählich "rückte der junge Verlag in die Reihe der führenden deutschen belletristischen Verlage auf". Sehr leicht war es aber anscheinend nicht, die Verlagsrechte von den ursprünglichen Editoren zurück zu erwerben. Auch der Vater hatte einige Einwände, wenn er am 27. Januar 1891 an den Sohn schreibt: "Ich begreife, daß Du den Wunsch hast, meine Bücher zu verlegen; Du mußt aber auch begreifen, daß ich den Wunsch habe, bei meinem alten Verleger zu bleiben. .... Ich hatte Dir noch eine Berliner Geschichte ("Frau Jenny Treibel" - H.E.) zugedacht, aber dies ist auch das Äußerste, was ich leisten kann und will. Im übrigen nur das noch: Es wäre ja fürchterlich, wenn die gesunde Basis eines Verlagsgeschäfts immer ein bücherschreibender Vater sein müßte. Gott sei Dank ist leicht das Gegenteil zu beweisen."

Im Tagebuch des Dichters aber wird der Stolz auf den erfolgreichen Sohn deutlich: So heißt es vor dem April 1891: "Friedel trägt sich mit Veränderungsplänen in seinem Geschäft; Lewy wird wohl ausscheiden und eine andere Geldkraft als Kompagnon eintreten." Und zum Oktober 1891 ist zu lesen: "Friedel findet zwei neue Kompagnons und erweitert sein Geschäft ... bedeutend." Drei Jahre später, am 7. Juli 1894, schreibt Theodor Fontane an Hermann Wichmann: "... Der 3. Sohn ist Buchhändler und hat ein großes und sehr interessantes Verlagsgeschäft; fürs Geld sorgen zwei reiche Kompagnons." Die "Erweiterung" des Verlages kam auch dem Alterswerk des Dichters zugute: 1893 wurden "Von vor und nach der Reise" und "Meine Kinderjahre" herausgegeben, 1895 "Effi Briest", 1896 "Die Poggenpuhls", 1898 "Von Zwanzig bis Dreißig" und nach dem Tode des Autors 1899 "Der Stechlin", einige davon "bereits im Ersterscheinungsjahr in 2. und 3. Auflage".

Als sein Vater starb, war der 44-jährige Friedrich Fontane ein "hochangesehener Mann im Kreise der Berliner Verleger".  Für weitere Publikationen wurden von der Nachlasskommission für den Fontane-Verlag geplant: die Herausgabe der Theaterkritiken, der Briefe an die Familie und der Briefe an die Freunde sowie eine Gesamtausgabe der Werke. 1904 erschienen die von Paul Schlenther ausgewählten Theaterkritiken als "Causerien über Theater", im gleichen Jahr die von Karl Emil Otto Fritsch (den Ehemann der Tochter Martha) zusammen gestellten beiden Bände "Theodor Fontane, Briefe an seine Familie" und 1909 - in ebenfalls zwei starken Bänden "Theodor Fontane, Briefe an seine Freunde", herausgegeben von Otto Pniower und Paul Schlenther. 1905 brachte dann - nach Fricke "im Alleingang ohne Philologen" - Friedrich Fontane selbst die '1. Serie' der "Gesammelten Werke" des Vaters (Romane und Novellen) in zehn Bänden heraus, 1908 die '2.Serie' (Gedichte, Autobiographisches, Reisebücher, Briefe, Kritiken, Nachlass), in die auch der 1907 von Joseph Ettlinger editierte Band "Aus dem Nachlaß" ("Mathilde Möhring", Gedichtnachlese, Literarische Studien und Eindrücke, "Die Märker und das Berlinertum") aufgenommen wurde, so dass insgesamt 21 Bände vorlagen, die für mehr als fünfzig Jahre "die einzige authentische Gesamtausgabe des väterlichen Werkes blieben". (Eine geplante '3.  Serie' kam nicht mehr zustande.)

Wie für alle deutschen Verlage kamen auch für den Friedrich Fontanes die schweren Jahre des ersten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. Nachdem 1903 schon der erste und bald darauf auch der zweite Kompagnon ausgeschieden waren, fungierte um 1914 als einzige Kommanditistin die Gattin des Verlegers. 1919, zum 100. Geburtstag des Vaters, war sein "Friedel" schon nicht mehr in Berlin ansässig. Auskunft über die Zeit des Umzugs und die Ziele nach dem Ortswechsel geben zwei Briefe, die Friedrich Fontane im Jahre 1930 an Hans Friedlaender, den Sohn von Theodor Fontanes Briefpartner Georg Friedlaender, gerichtet hat: Am 12. September erwähnt Friedrich Fontane u. a.:

"... da ich erst Anfang 1919 nach hier übersiedelte... ",und 14 Tage vorher, am 29. August, schreibt er: "... Heute, wo ich den Verlegerrock seit über zehn Jahren ausgezogen habe, ... sehe ich die Sache nicht mehr vom geschäftlichen Standpunkt aus an. Ich habe nur noch den Ehrgeiz, das gesamte 'Nachlaß-Material' in einem möglichst brauchbaren Zustand zu hinterlassen." Die Adresse des Absenders lautet: "Neuruppin / Fontanestr. 1" So wissen wir nun, dass der Sohn des Dichters 1930 in der Straße wohnte, die 1904 zu Ehren seines Vaters so benannt worden war. - Der Verlag existierte aber nach dem Ausscheiden Friedrich Fontanes noch weiter bis 1928. Das Fontane-Archiv, das Friedrich Fontane zunächst als Teil des Verlagsarchivs betreute, wurde nach Neuruppin verlagert. Bis zu seinem Tode am 22. Mai 1933 unterstützte als letzter Miterbe (die Schwester Martha war 1917 verstorben) der ältere Bruder Theodor den jüngeren mit aller Kraft. Aber nach 1925 hatten die Verleger das Interesse an Fontanes Werken verloren; nur noch Fontane-Forscher und Studenten nutzten "den Born des Wissens und der Ermittlungen", den der alte Editor in Publikationsbänden und Karteien geschaffen hatte. Wann genau Friedrich Fontane aus dem Haus Fontanestraße Nr. 1 in die Räume im Erdgeschoss der damaligen Kurfürstenstraße Nr. 2 (jetzt Heinrich-Heine-Str. - dieses Haus wurde leider bei einem Fliegerangriff im April 1945 völlig zerstört) umgezogen ist, lässt sich leider nicht feststellen; der Grund für den Wohnungswechsel könnten finanzielle Schwierigkeiten gewesen sein. Hermann Fricke hat den alten Herrn 1933 in seiner Wohnung gegenüber dem "Tempelgarten" besucht und gibt in seinem Artikel eine liebenswürdige Schilderung der Begegnung mit dem fast Siebzigjährigen (S. 35 f.).

Hans-Heinrich Reuter, der viel zu früh verstorbene Weimarer Fontane-Forscher, geht im letzten Kapitel seiner zweibändigen Fontane-Monographie, die 1968 erschien, auf die Probleme ein, mit denen sich der jüngste Sohn des Dichters im hohen Alter auseinander zu setzen hatte (S. 896 ff.): "Im Besitz ... des ehemaligen Verlagsbuchhändlers befanden sich gewissenhaft bewahrt und gepflegt, durch immer neue Kopien, auch durch eine große Sammlung von Sekundärliteratur bis hinab zu Zeitungsausschnitten fortlaufend ergänzt -: etwa 1.800 Originalbriefe Fontanes mit rund 7.500 Seiten, 20.000 Seiten Originalmanuskripte, ein umfangreicher wissenschaftlicher Hilfsapparat mit mehreren druckfertigen Manuskripten unbekannter Nachlaßteile. Dieses Archiv, das heute auf jeder Autographenauktion spielend eine Millionensumme einbringen würde (auf einer Hamburger Versteigerung wurden 1963 für 750 Fontanebriefe 185.000 DM erzielt), bot Friedrich, von materieller Not gezwungen, für 20.000 Reichsmark der Preußischen Staatsbibliothek an. Eine amtliche Schätzung hatte einen Taxwert von 100.000 Reichsmark ergeben.  Selbst die bescheidene Minimalsumme erschien der damaligen Direktion der Staatsbibliothek viel zu hoch. Sie bot 8.000 Reichsmark, zahlbar in zehn Jahresraten: Eine Leibrente von noch nicht einmal 70 Mark monatlich war alles, was der Preußische Staat des Jahres 1933 für die Hinterlassenschaft Theodor Fontanes aufzuwenden bereit war. ...Allein die Gelder, die Friedrich Fontane aus privaten Mitteln zur Erhaltung und Vermehrung seines Archivs aufgebracht hatte, dürften die Summe überstiegen haben, mit der er abgespeist werden sollte. ...

Fontane kam unter den Hammer. Firma Hellmuth Meier & Ernst in Berlin besorgte das Weitere. Nur ein Teil des Archivs fand Käufer und wurde in viele Hände zerstreut. Um den noch verbliebenen Rest vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, wurde durch private Initiative mehrerer Fontane-Verehrer - unter ihnen ist der spätere Archivleiter Hermann Fricke an erster Stelle zu nennen - erreicht, dass die Brandenburgische Provinzialverwaltung in Potsdam sich zur Übernahme entschloss und der Errichtung eines bescheidenen Fontane-Archivs, nunmehr unter amtlicher Ägide, zustimmte. ...

Friedrich Fontane blieb bis zum Tode dem Erbe des Vaters treu. Die letzte Ausgabe, die seinen Namen trug ("Briefe an die Freunde. Letzte Auslese" H.E.), kam 1943 heraus - über ein halbes Jahrhundert, nachdem der Verlag Friedrich Fontane & Co. in Berlin W begonnen hatte, der Verlag Theodor Fontanes zu werden. Im Herausgebervermerk war hinter dem Namen Friedrich Fontane ein Kreuz gedruckt; am 22. September 1941 war Fontanes jüngster Sohn, sein 'Friedel', in Neuruppin gestorben."

Seine letzte Ruhestätte fand er vor mehr als fünfzig Jahren auf dem Neuruppiner Friedhof zwischen Wittstocker und Alt Ruppiner Allee.

Horst Erdmann

Mitteilungsblatt Nr. 3 - Januar 1993, Seite 4 - 9
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