Emilie Fontane geb.  Labry - die Mutter des Dichters

Verfallene Hügel, die Schwalben ziehn,
Vorüber schlängelt sich der Rhin,
Über weiße Steine, zerbröckelt all,
Blickt der alte Ruppiner Wall,
Die Buchen stehn, die Eichen rauschen,
Die Gräberbüsche Zwiesprach tauschen
Und Haferfelder weit auf und ab, -
Da ist meiner Mutter Grab.
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Diese acht Verse finden wir in dem Gedicht "Meine Gräber", das Theodor Fontane 1888 schrieb und das 1889 erstmalig gedruckt wurde.

"Madame Fontane", die am 27. September 1789 in Berlin geboren wurde und am 13. Dezember 1869 in Neuruppin verstarb, hat von den sieben Jahrzehnten ihres Lebens mehr als drei in unserer Kreisstadt verlebt: vom Frühjahr 1819 bis Sommer 1827 und vom Sommer 1847 bis zum Dezember 1869.

Selbstverständlich verdanken wir alle unsere Kenntnisse über sie ihrem ältesten Sohn, der sich als fast 73-jähriger im Herbst und Winter 1892 an seinem autobiographischen Roman "Meine Kinderjahre" nach schwerer Krankheit wieder "gesund schrieb", so dass dieses Werk im November 1893 als Buchausgabe erscheinen konnte - vor nunmehr einhundert Jahren!

Weil des Dichters "Kinderjahre" fast ein Vierteljahrhundert nach dem Tode Emilie Fontanes verfasst und herausgegeben wurden, dürfen die Urteile des Autors über seine Mutter in diesem Erinnerungsbuch wohl doch als die endgültigen angesehen werden. Im ersten Kapitel folgt gleich nach der Nennung des Mädchennamens, Emilie Labry, des Geburtstages (mit falschem Datum) und des Vaters, "des Seidenkaufmanns Labry, Firma Humbert & Labry", eine erste knappe Charakterisierung: Die Firma handelte nicht mit gewebten Seidenstoffen, sondern mit "Seidendocken, worauf meine Mutter Gewicht legte. Sie hielt die Docken für vornehmer als Zeug nach der Elle." Dann heißt es weiter, dass sie "in hohem Maße den Sinn für Repräsentation hatte" und deshalb "von den Lebensgewohnheiten ihres Vaters, und zwar viel, viel mehr als von seinem Charakter oder sonstigem Tun, mit einem gewissen freudigen Respekte sprach". In die gleiche Richtung deutet auch die Äußerung des Dichters im zweiten Kapitel in bezug auf die Pflege seines Haupthaares: "Ich hatte lange blonde Locken, weniger zu meiner als zu meiner Mutter Freude", und das "Kämmen mit dem sogenannten engen Kamm" diente nur dazu, "diese Locken in ihrer angeblichen Schönheit zu erhalten". Im 13. Kapitel sagt der Sohn über seine Mutter: "Es kam, ihrer aufrichtigsten Überzeugung nach, im Leben auf ganz andere Dinge an als auf Wissen oder gar Gelehrsamkeit, und diese anderen Dinge hießen: gutes Aussehen und gute Manieren. Dass ihre Kinder sämtlich gut aussähen, war eine Art Glaubensartikel bei ihr, und dass sie gute Manieren entweder schon hätten oder sich aneignen würden, betrachtete sie als eine natürliche Folge guten Aussehens. Es kam also nur darauf an, sich vorteilhaft zu präsentieren."

Der "kritischen Mama" galt "alles Wissen sehr wenig": "Ernste Studien erschienen ihr nicht als Mittel, sondern umgekehrt als Hindernis zum Glück, zu wirklichem Glück, das sie von Besitz und Vermögen als unzertrennlich ansah. Ein Hunderttausendtalermann war etwas, und sie hatte Respekt und selbst Ehren für ihn, während ihr Gerichtspräsidenten nur wenig imponierten. ... Sie war unfähig, sich vor einer sogenannten geistigen Autorität in gutem Glauben zu beugen, nicht weil sie von sich selbst eine hohe Meinung gehabt hätte (sie war im Gegenteil völlig ohne Eitelkeit und Einbildungen), sondern nur weil sie, wie sie nun mal war, auf dem praktischen Gebiete des Lebens - und die nichtpraktischen Gebiete kamen für sie gar nicht in Betracht - eine Macht des Wissens oder gar der Gelehrsamkeit nicht anerkennen konnte.... Reich sein, Besitz (am besten Landbesitz), alles womöglich unterstützt von den Allüren eines Gesandtschafts-Attachés - das war etwas, das schloß Welt und Herzen auf, das war eine wirkliche Macht; das andere war Komödie, Schein, eine Seifenblase, die jeden Augenblick platzen konnte. Und dann war nichts da."

Als sich der Dichter "der Zeit, wo seitens beider Eltern ... eine Trennung, eventuell Ehescheidung geplant wurde", erinnert, erwähnt er, wie sich Frau Fontane gegenüber einem "Freund des Hauses", dem "damaligen bethanischen Geistlichen, Pastor Schultz, dessen Spezialität Ehescheidungsfragen waren", verhalten hatte: Er lehnte sich "mit aller Kraft und Beredsamkeit" gegen eine Scheidung der Fontanes auf, dennoch "machten seine strengen Auseinandersetzungen nicht den geringsten Eindruck auf sie", obwohl sie "sehr viel auf ihn" hielt, und sie sagte, "als er schwieg, mit superiorer (überlegener - H.E.) Seelenruhe": 'Lieber Schultz, Sie verstehen diese Frage gründlich; aber ob ich ein Recht darauf habe, mich scheiden zu lassen oder nicht, diese Frage kann in der ganzen Welt kein Mensch so gut beantworten wie ich.' Und damit brach sie ab."

Dieses ausgeprägte Selbstbewusstsein seiner Mutter würdigte der Dichter in seinem autobiographischen Roman noch mehrfach, zum Beispiel ebenfalls im 13. Kapitel: "Ähnlich ungläubig stand sie jeder Autorität gegenüber. Sie war voller Misstrauen in die Leistungsfähigkeit aller drei Fakultäten (der philosophischen, theologischen und juristischen - H.E.) und bezweifelte - patriarchalische Zustände waren ihr Ideal -, dass die Menschen beispielsweise was Reelles von der Juristerei hätten. Alles gehe, so meinte sie, nach Gunst oder Vorteil oder im besten Fall nach Schablone."

Im zweiten Kapitel erwähnte Theodor Fontane, dass die "Reisezeit (nämlich die mehrmonatige Suche des Vaters nach einer neuen Wirkungsstätte, als er die Neuruppiner Löwen-Apotheke im Jahre 1826 verkauft hatte - H.E.) später ein bevorzugter Unterhaltungsstoff beider Eltern, auch meiner Mutter" war, "die sich sonst ziemlich ablehnend gegen die Lieblingsthemata meines Vaters verhielt. Daß sie hier einen Ausnahmefall eintreten ließ, hatte zum Teil seinen Grund darin, daß mein Vater, in dieser seiner Reisezeit, viele an seine junge Frau gerichtete 'Liebesbriefe' geschrieben hatte, die nun als solche zu persiflieren (verspotten - H.E.) zeitlebens ein Hauptvergnügen meiner Mutter war: 'Ihr müßt nämlich wissen, Kinder' , so hieß es dann wohl, 'ich habe noch eures Vaters Liebesbriefe, so was Hübsches hebt man sich auf, und einen kann ich sogar auswendig, wenigstens den Anfang. Dieser kam aus Eisleben, und darin schrieb er mir: Ich bin hier heute nachmittag angekommen und habe ein recht gutes Quartier gefunden. Auch für den Schimmel, der sich vorn etwas gedruckt hat. Aber davon will ich Dir heute nicht schreiben, sondern nur davon, daß dies der Ort ist, wo Martin Luther am 10. November 1483 geboren wurde, neun Jahre vor der Entdeckung von Amerika... . Da habt ihr euren Vater als Liebhaber. Ihr seht, er hätte einen Briefsteller herausgeben können.' Dies alles war seitens meiner Mutter nicht bloß ziemlich ernsthaft, sondern leider auch bitter gemeint; sie litt darunter, daß mein Vater, sosehr er sie liebte, von Zärtlichkeitsallüren auch nie eine Spur gehabt hatte.  " Und dieser Vater "verharrte" auch nach der Trennung 1847 "bis zu seiner letzten Lebensstunde (5.10.1867-H.E.)... in Liebe und Verehrung zu der Frau, die unglücklich zu machen sein Schicksal war" (Ende des fünften Kapitels).

Im neunten Kapitel lesen wir: "... meine Mutter war zu sehr anders geartet, um durch seine (des Vaters - H.E.) gesellschaftlichen Liebenswürdigkeiten umgestimmt oder erobert werden zu können, ihr war die Sache gerade dann am widerstrebendsten, wenn sie ins Leichte und Heitere gezogen werden sollte. 'Was ernst ist, ist eben nicht heiter.' Übrigens bestritt sie ihm nicht, dass er, als glücklicher Humorist, es immer verstanden habe, die Leute auf seine Seite zu ziehen, setzte dann aber hinzu 'leider'."

Doch noch einmal zurück zum zweiten Kapitel: " ... meine Mutter ... war ein Kind der südlichen Cevennen, eine schlanke, zierliche Frau von schwarzem Haar, mit Augen wie Kohlen, energisch, selbstsuchtslos und ganz Charakter, aber .. von so großer Leidenschaftlichkeit, daß mein Vater, halb ernst-, halb scherzhaft, von ihr zu sagen liebte: 'Wäre sie im Lande geblieben, so tobten die Cevennenkriege noch.' (Nach der Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes 1685 leisteten die Kamisarden, die hugenottischen Bauern der Cevennen, heftigen Widerstand; 1702 kam es zu einem Aufstand, der von den Truppen des Königs von Frankreich erst 1705 endgültig niedergeschlagen werden konnte - nach Gotthard Erler - H.E.) Das passte jedoch ... nur ganz allgemein auf ihr leidenschaftliches Temperament, nicht etwa auf ihren Religionseifer. Von diesem hatte sie keine Spur, war viel mehr eminent (hier im Sinne von: erstrangig - H.E.) ein Kind der Aufklärungszeit, in der sie geboren, trotzdem sie, weil sie das Genfertum (die Lehre Johann Calvins - H.E.) für vornehmer hielt, mit einem gewissen Nachdruck versicherte: 'Wir sind reformiert.' "

Im ersten Kapitel bereits fällt der Dichter, ausgehend vom Pensionsaufenthalt seiner späteren Mutter, während dessen sie ihren zukünftigen Mann kennen lernte, ein m. E. schon zusammenfassendes und abschließendes Urteil: "Sie wurde bald ein Liebling des Kreises, den sie vorfand, und hatte den vollsten Anspruch darauf, denn sie war jederzeit gütig und hülfebereit.  Erst in meinen alten Tagen ist mir der Sinn für ihre Superiorität aufgegangen. Als ich selber noch jung war, erschien mir vieles in ihrer Haltung, besonders meinem Vater gegenüber, zu hart und zu herbe, später indes habe ich einsehen gelernt, wie richtig alles war, was sie tat, vor allem auch, was sie nicht tat, und beklagte jetzt jeden gegen sie gehegten Zweifel. Sie war dem ganzen Rest der Familie, der damaligen wie der jetzigen, weit überlegen, nicht an sogenannten Gaben, aber an Charakter, auf den doch immer alles ankommt. Ihre ganze südfranzösische Heftigkeit, die mitunter geradezu ängstliche Formen annahm, war vielleicht nicht immer zu billigen, aber doch schließlich nichts anderes als eine beneidenswerte Kraft, sich über Pflichtverletzung und unsinnige Lebensführung tief empören zu können, und ich muß es als ein großes Unglück ansehen, daß diese mir jetzt klar zutage liegenden Vorzüge von uns allen zwar immer gewürdigt, aber in ihrem vollen Wert und Recht nie ganz erkannt wurden."

Lit.: Theodor Fontane:
Autobiographische 'Schriften.  Band 1: Meine Kinderjahre, bearbeitet von Gotthard Erler. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1982

Horst Erdmann

Mitteilungsblatt Nr. 4 - August 1993, Seiten 11 - 14
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